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7. April 1998
In der Computerseite der SZ |
Ein Laserstrahl hier, ein paar eingefangene Ionen dort, schon beginnt
der Quantencomputer sein diabolisches Werk. Er arbeitet so schnell,
daß den Tätern die Zeit für eine Zigarette bis zur
absoluten Vollendung fehlt. Schon nach wenigen Sekunden ist es
geschafft: Die geheimen Codes des Pentagon und CIA, FBI und all der
anderen hochsensiblen Einrichtungen der USA sind geknackt. Die
nationale Sicherheit der Weltmacht, auf kompliziertester
Verschlüsselungstechnik aufgebaut, gibt es nicht mehr.
VLAD GEORGESCU
Solch ein Horrorszenario stellen sich Wissenschaftler am California
Institute of Technology in Pasadena vor, wenn die sogenannten
Quantencomputer den Alltag erobern. Die Amerikaner, selbst an der
Entwicklung der neuartigen Superrechner beteiligt, müssen es
schließlich wissen. Eine von Peter Shor in American Telephone
and Telegraph-Labors vorerst nur auf dem Papier entwickelte
Quantenrechenmaschine kann Sicherheitscodes in allen Einrichtungen
innerhalb von Sekunden knacken. Der Codeschutz beruht auf
mathematischen Operationen, die aufgrund ihres immensen Umfanges von
keinem zeitgenössischen Rechner entschlüsselt werden
können.
Quantencomputer werden wohl erst im kommenden Jahrtausend das Licht
der Elektronik-Welt erblicken. Die Technologie spielt sich dabei auf
atomarer Ebene ab. Im Gegensatz zu gegenwärtigen Transistoren aus
Silizium sollen im neuen Quanten-PC atomare Elektronenzustände
die Arbeit verrichten. Lediglich zwei Atome erledigen beispielsweise
dann, was jetzt noch mindestens tausend Atome auf gleichem Raum, den
Speicherchips, tun müssen: die richtigen Befehle für die
einzelnen Rechenoperationen liefern. Die Quantencomputer bedienen sich
dabei einer Besonderheit von Atomen. Elektronen in Atomen können
nämlich vereinfacht betrachtet in zwei unterschiedliche
Energieniveaus versetzt werden. Das bedeutet, daß beispielsweise
ein Wasserstoffelektron, durch einen Laserpuls angeregt, wie auf einer
Leiter eine Sprosse zur nächsten Atomschale klettert. Ein
erneuter Laserstoß könnte es von dort aus wieder in den
Grundzustand stoßen - oder auch nicht. Der Zustand des
"Sowohl-oben-als-auch-unten" aber ermöglicht den Durchbruch zur
neuen Geschwindigkeit. Denn das Hin- und Herspringen zwischen den
möglichen Atomzuständen, von Wissenschaftlern als "Flippen"
bezeichnet, bildet die Grundlage von bis dato nie erreichten schnellen
Rechenoperationen. Mit einem Speicher von nur 40 Bits würde ein
Quantencomputer in hundert Rechenschritten und in weniger als einer
Sekunde das leisten, wozu heutige Rechner mit mehreren Billionen Bits
einige Jahre benötigen. Um die Atome in die verschiedenen
Quantenzustände zu bringen, wenden Forscher so manchen
raffinierten Trick an.
Peter Zoller, Professor am Institut für theoretische Physik der
Universität Innsbruck, baut dazu sogenannte Ionenfallen. Darin
ruhen einzelne Atome, die Laserlicht in die jeweiligen Zustände
befördert. "Realistisch für Quantencomputer sind Ionenfallen
mit bis zu 30 Ionen, aber in nächster Zukunft werden wohl erst
kleine Systeme mit fünf bis zehn Ionen gebaut werden", sagt
Zoller. Vom handlichen Quantencomputer allerdings ist diese Technik
noch weit entfernt: Eine einzige Ionenfalle nimmt in etwa so viel
Platz ein wie zwei Schreibtische. Ein Quanten-PC benötigt aber
tausend solcher Einheiten.
Mehr Optimismus setzen daher Fachleute an der University of Notre Dame
im amerikanischen Notre Dame, Indiana, in den Bau "zellulärer
Automaten". Diese ermöglichen auf engstem Raum zwei verschiedene
Atomzustände des gleichen Moleküls, die sich ebenfalls
flippen lassen würden. Auch hierzulande gelten die
Vorläuferbausteine der Quantencomputer als möglicher
Chipersatz der Zukunft.
Und der gute, alte Chipcomputer? Quantencomputer werden nach Meinung
Zollers Spezialcomputer bleiben. Als eine der vielen
Anwendungsmöglichkeiten könne man sich ein Quanteninternet
vorstellen, in dem die Kommunikation mit kleinen Quantencomputern
durchgeführt wird. "Ein solches System garantiert die
Datensicherheit aus Gesetzen der Quantenmechanik heraus", so
Zoller. "Nicht einmal ein Quantencomputer könnte das mehr
knacken." Die nationale Sicherheit der USA wäre demnach doch
noch zu retten: über das Internet.